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Friedhof der Namenlosen

Mit den Jahren konnte die Identität so manches Donauverblichenen inzwischen geklärt werden. Sie erhielten entsprechende Inschriften auf ihren schlichten Gräbern. Einige aber verblieben namenlos bis heute, ihr Geheimnis wie fortgerissen von der Donau. Für sie gelten weiter die dem Friedhof gewidmeten Worte Albrecht von Wickenburgs: Drum die Kreuze die da ragen, wie das Kreuz, das sie getragen, namenlos.

Wer sich in den äußersten Winkel des 11. Wiener Gemeindebezirks nahe Schwechat begibt, der entdeckt hinter den Anlagen des Alberner Hafens einen verborgenen Ort mit einer einzigartigen Geschichte. Wie im Dornröschenschlaf, zwischen Vergessen und leisem Gedenken, liegt da nur einen Steinwurf von der Donau entfernt bei Stromkilometer 1918 ein winziger Friedhof. Angelegt auf einer kleinen Lichtung, wirkt die besondere Ruhestätte den Blicken der Wienerinnen und Wiener heute fast ebenso entrückt wie dem kollektiven Gedächtnis der Stadt. Die verborgene Lage des Friedhofs ist gleichsam ein wichtiger Hinweis auf den Grund seines Bestehens. Denn gerade hier, wo die Donau Wien an der Grenze zu Schwechat verlässt, erzeugte der Strom einst eine Verwirbelung, die dort immer wieder neben anderem Treibgut auch Wasserleichen ans Ufer schwemmte. Also legte man an genau diesem Ort einen Friedhof an, der ab 1840 für all jene leblosen Unglücklichen, die die Donau preisgab, die aber unbekannt blieben, zur letzten Ruhestätte werden sollte. Bis 1900 wurden dort 478 nicht mehr identifizierbare Leichen bestattet.

Da der Friedhof immer wieder durch Hochwasser verwüstet wurde, beschlossen die ortsansässigen Fischer, unterstützt von der Gemeindevertretung und Simmeringer Handwerkern, im Jahr 1900 einen neuen Friedhof auf der anderen Seite des Dammes zu errichten. Nachdem mit dem Bau der Getreidespeicher und der Hafenregulierung am Alberner Hafen der berüchtigte Wasserwirbel schließlich verschwunden war, endete auch das Anschwemmen der unglückseligen Toten. So fand 1940 die letzte unbekannte Donauleiche ihre letzte Ruhestatt auf dem Friedhof der Namenlosen. 104 liegen heute dort in der Erde jenes zweiten Friedhofteils. Mit den Jahren konnte die Identität so manches Donauverblichenen inzwischen geklärt werden. Sie erhielten entsprechende Inschriften auf ihren schlichten Gräbern. Einige aber verblieben namenlos bis heute, ihr Geheimnis wie fortgerissen von der Donau. Für sie gelten weiter die dem Friedhof gewidmeten Worte Albrecht von Wickenburgs: Drum die Kreuze die da ragen, wie das Kreuz, das sie getragen, namenlos.

Facts

Von den Donaufischerinnen und -fischern wird jeden ersten Sonntag nach Allerheiligen auf Höhe des Friedhofes ein kleines mit Kerzen verziertes Floß mit der Inschrift „Den Opfern der Donau“ in den Fluss gesetzt und den Fluten übergeben.

Der Autor
Andreas Herkel ist seit 2014 bei viadonau als Content Manager in der Unternehmenskommunikation tätig.
E-Mail: andreas.herkel[at]viadonau.org