Der Biber – Eroberer alter und neuer Lebensräume

Durch nachhaltige Gewässer- und Uferpflege hat der Biber vielerorts in Österreich wieder eine Chance, seine außergewöhnliche Vielseitigkeit und hohe Bedeutung für die Biodiversität von Gewässerökosystemen unter Beweis zu stellen.

Einst über Jahrhunderte wegen seines Fells und Fleisches gejagt und in Europa beinahe ausgerottet, erfreut sich die Biberpopulation in Österreich heute dank Jagdverboten, umfassender Gewässerpflege und gezielter Wiederansiedelung bester Gesundheit. Derzeit leben etwa 6.000 Biber in Österreich, rund 80 Prozent davon in Oberösterreich, Niederösterreich und Wien.  

Monogamer Vegetarier mit Hang zur Lebensraumgestaltung
Der monogame Geselle lebt im Familienverband und ist ein reiner Vegetarier. Seine Nahrung ist ausschließlich pflanzlich und besteht aus bis zu 150 verschiedenen krautigen Gewächsen. Als semiaquatisches Tier bewohnt der Biber die Ränder unterschiedlicher Gewässertypen, von kleinen Bächen bis zu großen Flüssen und Seen. Voraussetzung für eine Ansiedlung sind lediglich ein ausreichendes Nahrungsangebot und eine permanente Wasserführung, die der eifrige Baumeister gegebenenfalls durch das Aufstauen mittels Damm selbst herstellt. So reguliert er aktiv den Wasserstand in seinem Revier und gestaltet die umgebende Landschaft nach seinen Bedürfnissen.

Biber auf Wiese
Fotos: © Christian Baumgartner
Biber beim Schwimmen
Fotos: © Christian Baumgartner

Vor allem in der kalten Jahreszeit sind neben den Biberburgen, angenagte Bäume ein untrügliches Zeichen für die Anwesenheit des emsigen Flussbewohners. Da zu dieser Jahreszeit nur mehr Knospen, Rinden und dünne Zweige zur Verfügung stehen, muss nach dem Sommer auf Schonkost umgestellt werden. Um an die raren Leckerbissen zu kommen, fällt der Nager Bäume am Ufer und legt Vorräte unter Wasser an. Mit seinen kräftigen Schneidezähnen kann der nachtaktive Ingenieur schon mal einen Baum mit einem halben Meter Durchmesser in einer Nacht fällen.

Biberverbiss an mehreren Bäumen
Insbesondere im Winter sind die vom Biber angenagten Bäume entlang der Uferbereiche der Donau und des Donaukanals leicht zu entdecken. Foto: © viadonau

Stärkere Äste und Stämme, die nicht gefressen werden, nutzt der Biber als Bauholz für seine Dämme und Biberburgen, die er im Herbst ausbessert und vergrößert. Die ausgeklügelte Architektur des Biberbaus mit Eingängen unter Wasser bietet Schutz vor Fressfeinden und einen gemütlichen Unterschlupf für die Biberfamilie.

Tierischer Ingenieur an der Donau
Als Bewohner von Flusslandschaften agiert der Biber größtenteils dort, wo auch viadonau Aufgaben wahrnimmt und für die Pflege, den Schutz und die Sicherheit der Uferbereiche verantwortlich ist. Der eifrige Lebensraumgestalter ist entlang der gesamten Donau verbreitet und stellt seine handwerklichen Fertigkeiten immer wieder unter Beweis. Neben den angestammten Lebensräumen, erobert er zunehmend auch urbane Gebiete wie zum Beispiel den Bereich entlang des Donaukanals in Wien. Konflikte scheinen so eigentlich vorprogrammiert, können aber mit geeignetem Bibermanagement vermieden werden. Hierbei kommen einerseits Präventivmaßnahmen wie das Anbringen von Schutzgittern um Stämme und Anstriche oder auch Sanierungsmaßnahmen zum Einsatz, um so den Interessen von Erholungs- und Freizeitgestaltung ebenso wie den Lebensraumansprüchen des Bibers gerecht zu werden. Indem Bäume durch Drahtgitter geschützt werden, können die Auswirkungen der Biberaktivitäten deutlich abgemildert, Freizeitnutzerinnen und -nutzer geschützt und zugleich der Wert des Bibers für die Artenvielfalt seines Lebensraums gewahrt werden.

Wo viele Menschen die Uferräume der Donau als vielfältiges Erholungsgebiet nutzen, ist insbesondere im städtischen Bereich oft schnelles Handeln gefragt. Anfang Dezember befuhren viadonau-Erhaltungsexperten per Schiff den Donaukanal in Wien, um Bäume zu entfernen, die durch Bissschäden Uferbegleitwege gefährdeten oder auch die Wasserstraße beeinträchtigen können. Nach dem Schnitt der Bäume werden Kronenteile üblicherweise vor Ort für den Nager als Futter zurückgelassen. Zusätzlich zu diesen Pflegearbeiten und Sicherheitsvorkehrungen führen auch externe Baumkontrolleure laufend Maßnahmen durch.

Biberverbiss am Wiener Donauufer
„Bleibender Eindruck“ eines Bibers am Wiener Donauufer. Angenagte Bäume können schnell zur Gefahr für Erholungssuchende werden – umso wichtiger ist wachsame Uferpflege. Foto: © viadonau

Tier mit ökologischer Schlüsselfunktion
Durch nachhaltige Gewässer- und Uferpflege hat der Biber vielerorts in Österreich wieder eine Chance, seine außergewöhnliche Vielseitigkeit und hohe Bedeutung für die Biodiversität von Gewässerökosystemen unter Beweis zu stellen. Sein Gestaltungstrieb erfordert jedoch viel Engagement und gezielte Maßnahmen, um menschliche und tierische Bedürfnisse langfristig in Balance zu halten. Eine wichtige Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung der Biberpopulationen ist daher das wachsende Verständnis der Bevölkerung für die notwendigen Aktivitäten vor Ort, aber auch das Einräumen von Naturzonen, die der Biber frei nach seinem Willen gestalten kann. So kann sich der vielseitig talentierte Nager gut entfalten und bleibt dennoch im wachsamen Blick der Expertinnen und Experten. Denn die Profis wissen: Wo Europas größter Nager sich niederlässt, da kehrt auch die Vielfalt zurück – ein wahrer Botschafter der Natur unserer Flusslandschaften.

Biber im Wasser mit Holzscheit
Strenger Vegetarier – der Biber ernährt sich rein pflanzlich. Foto: © Christian Baumgartner

Die Autorin
Julia Kneifel ist als Projektmanagerin im Team Wissensmanagement bei viadonau tätig. Neben der Koordination des Integrierten Managementsystems und der Rolle als Umweltbeauftragte widmet sie sich umfassend der Entwicklung und Umsetzung von Projekten zur Verbesserung des Lebensraums Donau.
E-Mail: julia.kneifel[at]viadonau.org

 

 

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